Es war nicht schon immer so heiß
Diese Woche knackt Saarbrücken seinen eigenen Hitzerekord, kurz nachdem er erst aufgestellt wurde. In Sachsen-Anhalt werden über 41 Grad gemessen. Mehrere Bundesländer melden tropische Nächte, die nicht unter 20 Grad fallen. Und mitten in dieser Hitzewelle taucht in den Kommentarspalten zuverlässig derselbe Satz auf: Das gab es doch schon immer.
Ich will diesen Satz hier ernst nehmen, nicht weil ich ihn für richtig halte, sondern weil er aus einem nachvollziehbaren Gefühl kommt. Wer in den 70ern oder 80ern jung war, erinnert sich an heiße Sommertage, an Freibad und Grillfest. Diese Erinnerungen sind echt. Das Problem ist nur, dass Erinnerung und Messdaten zwei verschiedene Dinge sind, und beim Klima zählt am Ende die Messreihe, nicht das Gefühl.
Was der Deutsche Wetterdienst seit 1881 misst
Der DWD wertet für Deutschland Messdaten aus, die bis ins Jahr 1881 zurückreichen. Das Ergebnis ist eindeutig und statistisch gesichert: Die Jahresmitteltemperatur in Deutschland ist seitdem um 1,6 Grad gestiegen. Die fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen liegen alle nach dem Jahr 2000.
Konkreter wird es bei den sogenannten Hitzetagen, also Tagen mit mindestens 30 Grad. In den Jahren 1961 bis 1990 gab es im Schnitt 4,2 Hitzetage pro Sommer. Im Zeitraum 1991 bis 2020 waren es 8,9, mehr als doppelt so viele. 1970 wurden deutschlandweit ganze 2,0 Hitzetage gezählt, 1977 sogar nur 1,3. Zum Vergleich: 2018 kam auf 20,4 Hitzetage, 2024 immerhin noch auf 12,5.
Wer also behauptet, in den 70ern habe es zwischen Mai und September ständig 30 Grad gegeben, beschreibt keine Messdaten, sondern eine Erinnerung an einzelne, herausragende Tage, die sich tiefer eingeprägt haben als die vielen kühleren Wochen dazwischen. Genau das ist der Mechanismus hinter vielen dieser Aussagen. Ein außergewöhnlicher Augusttag aus der eigenen Kindheit wird gegen eine ganze Hitzewelle im heutigen Juni gestellt, und plötzlich wirkt die Gegenwart gar nicht mehr so besonders. Nur vergleicht man dann eben nicht Ähnliches mit Ähnlichem, sondern eine punktuelle Erinnerung mit einem mehrwöchigen, flächendeckenden Ereignis.
Warum der Juni in diesem Jahr der eigentliche Punkt ist
Der bisherige deutsche Allzeit-Hitzerekord liegt bei 41,2 Grad, gemessen im Juli 2019. Der heißeste je gemessene Juni-Wert stammt ebenfalls aus 2019. Beide Rekorde sind also keine fünf Jahre alt.
Was an der aktuellen Hitzewelle besonders ist, ist nicht nur die Spitzentemperatur, sondern der Zeitpunkt. Werte, die früher dem Hochsommer im Juli oder August vorbehalten waren, treten jetzt bereits im Juni auf, in mehreren Regionen droht erstmals überhaupt die 40-Grad-Marke in einem Juni. Dazu kommen die tropischen Nächte, in denen die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad fällt. Die sind nicht nur unangenehm, sie sind für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich, weil sich der Körper nachts nicht erholen kann. Das Robert-Koch-Institut hat allein für 2023 über 3.100 hitzebedingte Todesfälle erfasst.
Auf der anderen Seite der Statistik schrumpfen die Eistage, an denen es ganztägig friert, von knapp 30 auf unter 20 pro Jahr. Beide Entwicklungen, mehr Hitzetage und weniger Eistage, zeigen in dieselbe Richtung. Das wäre ein eigenartiger Zufall, wenn am Klima tatsächlich nichts wäre.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Der Weltklimarat IPCC hat in seinem sechsten Sachstandsbericht von 2021 festgehalten, dass der menschliche Einfluss Atmosphäre, Ozean und Landflächen erwärmt hat, formuliert als eindeutige Feststellung, nicht als Vermutung. Dieser Satz ist mit hunderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie allen beteiligten Regierungen abgestimmt.
Das ist ein Grad an Übereinstimmung, den man in kaum einem anderen aktiv erforschten Feld der Naturwissenschaften findet.
Ich sage das nicht, um Diskussion abzuwürgen. Innerhalb der Klimaforschung wird intensiv darüber gestritten, wie schnell sich einzelne Prozesse entwickeln, wie genau sich regionale Auswirkungen verteilen, welche Kipppunkte wie wahrscheinlich sind. Das ist berechtigte und wichtige wissenschaftliche Arbeit. Die Grundfrage, ob der Mensch die Hauptursache der gegenwärtigen Erwärmung ist, gehört für mich nicht mehr in diese offene Diskussion. Dafür ist die Beleglage zu dicht.
Woher die Falschbehauptungen kommen
Parallel zur Hitzewelle kursieren wieder Behauptungen, die das Gegenteil suggerieren sollen. Manche davon sind erkennbar KI-generierte Bilder oder Texte, die sich schnell verbreiten lassen, ohne dass jemand sie prüft. Andere arbeiten mit echten, aber falsch eingeordneten Daten: ein einzelner Hitzetag aus einem alten August wird neben eine aktuelle, mehrwöchige Hitzeperiode im Juni gestellt, als wären beide vergleichbar. Wieder andere berufen sich auf die gefühlte Erinnerung, ohne sie an Messdaten zu prüfen.
Mein Ziel ist nicht, jeden, der sich noch an heiße Sommertage aus der eigenen Kindheit erinnert, als Lügner hinzustellen. Diese Erinnerungen sind ehrlich. Aber eine ehrliche Erinnerung ist trotzdem kein Ersatz für eine siebzig Jahre lange Messreihe. Wer Zweifel an einer Entwicklung hat, dem hilft ein Blick auf die Zahlen des DWD oder des Umweltbundesamtes mehr als ein Bauchgefühl, ganz unabhängig davon, in welche Richtung dieses Bauchgefühl zeigt.
Was das für uns bedeutet
Wir bei DemokraViTo verstehen uns nicht als Klimaorganisation, sondern als Initiative für politische Bildung. Aber genau deshalb gehört dieses Thema zu uns. Wenn eine wissenschaftliche Frage zu einer parteipolitischen Glaubensfrage umgedeutet wird, wird es schwerer, über die eigentlich strittigen Fragen zu sprechen: Wie schnell handeln wir, wer trägt die Kosten, welche Maßnahmen sind wirksam und welche nur symbolisch. Das sind legitime, oft sogar überfällige Debatten. Sie lassen sich aber nur sinnvoll führen, wenn man sich vorher auf die Grundlage einigt, dass es wärmer wird und warum.
Wer hinschaut, kann mit eigenen Augen sehen, wie sich die Sommer in den letzten zwanzig Jahren verändert haben. Die Messdaten bestätigen, was viele längst spüren. Beides zusammen ist eigentlich kein schlechter Ausgangspunkt für ein Gespräch.
Quellen: Deutscher Wetterdienst (DWD), Umweltbundesamt, IPCC Sechster Sachstandsbericht (2021), Robert-Koch-Institut, ZDF.