Mit wem wir reden, und mit wem nicht
Als junge Organisation bekommen wir Gegenwind von beiden Seiten, und diesmal will ich über den aus dem linken Lager schreiben. „Mit Nazis spricht man nicht“ haben wir gehört, und noch deutlicher „die kuscheln mit Nazis“. Ich könnte das wegwischen, aber das wäre der falsche Reflex. Denn die Sätze kommen von Leuten, die im Grunde dasselbe wollen wie wir, eine Gesellschaft, in der Menschenfeindlichkeit keine Mehrheit hat. Also nehme ich sie ernst und schreibe auf, wie wir arbeiten und wo für uns Schluss ist.
Und hinter dem Vorwurf steckt eine ernste Frage, über die kluge Leute seit Jahren streiten. Soll man mit Rechten reden, und wenn ja, mit wem und wo? Wer das mit einem Spruch beantwortet, macht es sich zu leicht, egal aus welcher Richtung.
Ein alter Streit
Die Debatte hat sogar ein Buch, das ihr den Namen gab, „Mit Rechten reden“ von 2017. Auf der einen Seite steht das Argument, man müsse reden, um Vorurteile mit Fakten zu kontern. Auf der anderen ein Einwand, den ich für stark halte. Wer organisierten Rechtsextremen eine öffentliche Bühne baut, eine Talkshow oder ein Podium, der normalisiert ihre Positionen und lässt sie sich als seriös und verfolgt inszenieren. Für diese Situation stimmt der Einwand.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, den ich nicht übergehen will. Wer zu rassistischen oder antisemitischen Aussagen schweigt, signalisiert, dass sie in Ordnung sind, und verschiebt damit Stück für Stück die Grenze des Sagbaren. Reden heißt für uns deshalb nie, einfach alles stehen zu lassen.
Extrem ist ein Spektrum
Der Denkfehler steckt aber woanders. „Nazi“ klingt nach einer Schublade, in die jemand gehört oder eben nicht. In Wahrheit sieht es anders aus. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, eine der größten Langzeituntersuchungen dazu, findet bei rund viereinhalb Prozent der Menschen ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Das ist der harte Kern.
Um diesen Kern herum liegt etwas Größeres und Diffuseres. Da fällt ein ausländerfeindlicher Spruch, dort wächst das Misstrauen gegen „die da oben“, und oft steckt dahinter einfach Wut über das Gefühl, abgehängt zu sein. Diese Haltungen reichen bis weit in die Mitte. Ein geschlossenes Weltbild sind sie aber nicht, häufig eher ein Ventil für Frust, der handfeste Ursachen hat.
Auf diese Unterscheidung kommt alles an. Die Autorinnen und Autoren der Studie bezweifeln selbst, dass sich der harte Kern von den demokratischen Parteien zurückgewinnen lässt. Bei ihm versuchen wir es auch nicht. Wen wir erreichen wollen, sind die Menschen dazwischen, die gerade erst anfangen abzudriften und noch an keinem festen Weltbild kleben. Mit einem Nachbarn zu reden, der einen rechten Spruch nachplappert, ist etwas völlig anderes, als mit einem überzeugten Neonazi zu debattieren.
Was Haltungen verändert
Ob Gespräche etwas bringen, ist keine Glaubensfrage, dazu gibt es Forschung. Die Politikwissenschaftler David Broockman und Joshua Kalla haben 2016 in der Fachzeitschrift Science eine Feldstudie veröffentlicht, die seither viel Beachtung fand. Ein einziges offenes Gespräch von rund zehn Minuten an der Haustür senkte Vorurteile gegen trans Menschen messbar, und der Effekt hielt über Monate. Dasselbe Team fand später ähnliche Wirkungen bei Einstellungen gegenüber Eingewanderten.
Gewirkt hat dabei die Art des Gesprächs, weniger das Vorhalten von Fakten. Gezählt hat das Zuhören und die Bereitschaft, auch mal die eigene Geschichte zu erzählen. Wer sein Gegenüber belehrt oder vorführt, erreicht meist das Gegenteil, während Fragen und Aushalten eine Tür einen Spalt weit öffnen. Das deckt sich mit dem, was wir bei unseren Stadtgesprächen erleben, und es ist der Grund, warum Konfrontation für uns kein Werkzeug ist. Sie fühlt sich gut an, ändert aber selten etwas.
Wo für uns Schluss ist
Das alles heißt nicht, dass wir mit jedem reden. Es gibt eine Grenze, und sie ist scharf. Karl Popper hat sie vor achtzig Jahren beschrieben, mit dem Recht, im Namen der Toleranz „die Unduldsamen nicht zu dulden“. Der Satz wird oft verkürzt zitiert. Popper meinte damit nicht jeden, der eine unbequeme Meinung hat. Er zog die Grenze dort, wo jemand das vernünftige Gespräch grundsätzlich verweigert und anfängt, mit Gewalt zu antworten. Solange sich jemand überhaupt noch auf ein Argument einlässt, ist Reden möglich, und erst da, wo die Faust das Argument ersetzt, hören auch wir auf.
Ganz praktisch heißt das für uns zweierlei. Wir bauen keine Bühne für organisierte Rechtsextreme, und wir lassen menschenfeindliche Aussagen nicht unwidersprochen. Unsere Satzung bindet uns an das Grundgesetz und die Menschenwürde. Ohne diese Bindung gäbe es unsere Gemeinnützigkeit gar nicht. Wer die Würde anderer grundsätzlich bestreitet, ist nicht unsere Zielgruppe.
Bemerkenswert finde ich, dass uns selbst scharfe Kritiker des „Mit Rechten reden“ an einer Stelle recht geben. Das Gespräch mit Menschen, die sich nicht auf Bühnen stellen, die einfach reale Sorgen haben, sei vielleicht der einzige wirksame Weg. Und dort arbeiten wir, am Küchentisch und beim Vereinsabend. Das bringt keine Klicks und keine Schlagzeilen, aber es ist die Arbeit, die am Ende wirkt.
Was Solidarität statt Spaltung meint
Und damit sind wir bei unserem Motto. Solidarität statt Spaltung wird manchmal als Weichheit missverstanden, als wollten wir es allen recht machen. Gemeint ist etwas anderes. Wir weigern uns, die erreichbare Mehrheit abzuschreiben, nur weil ein lauter Rand sich nicht mehr erreichen lässt. Wer alle, die einmal einen dummen Satz sagen, sofort in dasselbe Lager wie den harten Kern sortiert, treibt sie oft erst dorthin.
Das ist auch unser Auftrag als Bildungsinitiative. Politische Bildung heißt, Menschen zum eigenen Denken zu befähigen, statt sie in Freund und Feind einzuteilen. Der Beutelsbacher Konsens, an dem wir uns orientieren, verbietet die Überwältigung, also das Überrumpeln mit der einen richtigen Meinung. Beschämung wäre nichts anderes.
Für uns ist Solidarität statt Spaltung keine Kuschelformel. Es ist die Entscheidung, dort noch zu reden, wo andere schon aufgegeben haben, und trotzdem klar zu sagen, wo Schluss ist.
Quellen: Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Toleranz-Paradox); Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 „Vereint im Ressentiment“ (Decker, Brähler, Kiess, Heller, Universität Leipzig); David Broockman und Joshua Kalla, Science 2016, sowie Folgestudien zum sogenannten Deep Canvassing; Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn, „Mit Rechten reden“ (2017); Beutelsbacher Konsens.