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Standpunkt

Die Wissenschaft, die sich irren darf

In meinem Feed macht ein Satz Karriere: Der Wissenschaft könne man nicht trauen. Er verwechselt ihre Arbeitsweise mit einem Versagen.

In den letzten Wochen taucht in meinem Feed ein Satz immer häufiger auf. Der Wissenschaft könne man ohnehin nicht mehr trauen, mal geht es dabei um Ernährung, mal ums Klima. Die Begründung läuft fast immer gleich. Früher hätten die Fachleute doch das Gegenteil behauptet, also sei das Ganze nichts wert.

Dahinter steckt ein Missverständnis. Wer der Wissenschaft vorwirft, ihre Aussagen zu ändern, hat meistens eine falsche Vorstellung davon, was sie überhaupt verspricht. Für immer recht zu haben, hat sie nie versprochen. Dass sie sich laufend korrigiert, gehört zu ihrer Arbeitsweise.

Wissenschaft hat nie Unfehlbarkeit versprochen

Der Philosoph Karl Popper hat dafür vor fast hundert Jahren die Sprache geliefert. Für ihn war eine Aussage erst dann wissenschaftlich, wenn man sie im Prinzip widerlegen kann. Der Fachbegriff dafür heißt Falsifizierbarkeit.

Sein bekanntestes Beispiel ist der Schwan. Der Satz „Alle Schwäne sind weiß“ lässt sich niemals endgültig beweisen, egal wie viele weiße Schwäne man zählt. Ein einziger schwarzer Schwan genügt, um ihn zu widerlegen. Daraus folgt für Popper, dass sich keine Theorie endgültig als wahr sichern lässt. Sie bewährt sich nur so lange, bis etwas Besseres an ihre Stelle tritt.

Popper sprach solchen Theorien deshalb nicht den Status der Wahrheit zu. Er nannte sie bewährt, und dieser Unterschied trägt die ganze Idee. Eine bewährte Theorie hat vielen ernsthaften Versuchen standgehalten, sie zu widerlegen, und bleibt in Kraft, bis die Belege gegen sie sprechen. 1919 zeigte eine Sonnenfinsternis, dass die Schwerkraft der Sonne das Sternenlicht so ablenkt, wie Einstein es berechnet hatte. Ein endgültiger Beweis war das nicht, eher eine gewagte Vorhersage, die hätte scheitern können und es nicht tat. Von solchen riskanten Vorhersagen lebt gute Forschung.

In der Praxis läuft das unordentlicher ab, als dieses Bild vermuten lässt. Forschung wirft eine Theorie selten schon beim ersten Widerspruch weg, und spätere Denker wie Thomas Kuhn haben gezeigt, wie störrisch echte Wissenschaft tatsächlich arbeitet. Am Grundprinzip ändert das trotzdem nichts, Wissen bleibt immer vorläufig.

Der Trick mit der Gewissheit

Und hier wird es aus meiner Sicht heikel. Weil Wissenschaft von sich aus vorläufig ist, lässt sich ihre Offenheit gegen sie wenden. Man verlangt von ihr eine Sicherheit, die sie nie versprochen hat, und ruft dann „gescheitert“, sobald diese fehlt.

In der Desinformationsforschung hat dieser Trick einen Namen. Wer sich mit Falschinformationen beschäftigt, stößt schnell auf das Kürzel FLICC. Es bündelt fünf Muster, die in fast jeder Kampagne gegen wissenschaftliche Erkenntnisse auftauchen: erfundene Experten, Denkfehler, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei und Verschwörungserzählungen. Um die unerfüllbaren Erwartungen geht es hier. Man fordert einen hundertprozentigen Beweis, den die empirische Forschung gar nicht liefern kann, und wertet dessen Ausbleiben als Argument.

„Es ist doch nur eine Theorie“ funktioniert nach demselben Muster. Das Wort Theorie meint in der Wissenschaft etwas anderes als im Alltag. Im Fach steht es für ein Erklärungsgebäude, das unzählige Prüfungen überstanden hat. Wer jede Theorie als bloße Meinung unter vielen behandelt, verschiebt die Torpfosten immer weiter, bis am Ende kein Ergebnis mehr reicht.

Als Zweifel zum Geschäftsmodell wurde

Manchmal steckt hinter dem Satz „der Wissenschaft kann man nicht trauen“ Kalkül. Für diese Behauptung wurde bezahlt, und ein Fall dazu ist gut dokumentiert.

1953 trafen sich die Chefs der großen amerikanischen Tabakkonzerne in einem New Yorker Hotel. Die Beweise, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht, wurden gerade erdrückend. Statt dagegen anzuargumentieren, was ohnehin aussichtslos war, setzte die Branche darauf, die Wissenschaft uneins wirken zu lassen. Ein Manager brachte die Idee in einem internen Papier auf den Punkt.

„Zweifel ist unser Produkt.“

Zweifel, so das Kalkül, sei das beste Mittel gegen gesichertes Wissen in den Köpfen der Öffentlichkeit. Die Fakten zu widerlegen war gar nicht nötig, es reichte, sie strittig aussehen zu lassen. Die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik Conway haben in ihrem Buch „Merchants of Doubt“ nachgezeichnet, wie dieselben Leute und Methoden Jahrzehnte später wieder auftauchten, diesmal gegen die Klimaforschung.

Natürlich steckt nicht hinter jedem Zweifel eine Firma. Doch bei einem lauten „trau der Wissenschaft nicht“ hilft eine schlichte Gegenfrage. Wem nützt es, wenn ich aufhöre zu vertrauen?

Die ehrliche Gegenprobe

Damit hier keine Heiligsprechung entsteht: Die Wissenschaft hat echte Probleme, und die gehören benannt. In Psychologie und Medizin ließ sich in den vergangenen Jahren ein großer Teil vielzitierter Studien nicht wiederholen, Fachleute sprechen von der Replikationskrise. Dazu kommt ein weitverbreiteter Verdacht. Im Wissenschaftsbarometer 2024 stimmten 62 Prozent der Aussage zu, dass Forschende wegen ihrer Abhängigkeit von Geldgebern nicht vertrauenswürdig seien.

Diese Sorgen sind ernst zu nehmen. Entscheidend ist aber, wer die Replikationskrise aufgedeckt hat, nämlich die Forschung selbst. Sie hat ihre eigenen Fächer überprüft und die Schwachstellen offengelegt, statt sie zu verschweigen, und arbeitet seither an strengeren Methoden. Ein System, das seine eigenen Fehlschläge öffentlich macht, funktioniert anders als eine Ideologie, die ihre Fehler versteckt.

Die meisten Menschen sehen das übrigens ähnlich. In einer repräsentativen Befragung in Deutschland hielten 65 Prozent die Diskussion über Replikationsprobleme für ein Zeichen von Qualitätskontrolle, 80 Prozent fanden, dass Irrtümer und Korrekturen zur Forschung dazugehören. Nur 18 Prozent schlossen daraus, man könne der Wissenschaft nicht trauen. Was manche Kritiker als Beweis für Unzuverlässigkeit deuten, wertet die Mehrheit also als Qualitätssicherung.

Wo wir als Initiative stehen

Für uns als überparteiliche Bildungsinitiative hat das praktische Folgen. Wenn Vertrauen in Wissenschaft an formaler Bildung hängt, und die Zahlen deuten darauf hin, dann wird daraus eine Aufgabe für die politische Bildung. Im Wissenschaftsbarometer 2024 vertrauten 75 Prozent der Menschen mit hohem Bildungsabschluss der Wissenschaft, bei niedrigem Abschluss waren es 40 Prozent. Diese Lücke geht uns direkt an, sobald wir über Medienkompetenz reden.

Unsere Antwort darauf ist nicht „glaubt einfach den Experten“. Dieser Reflex wäre schwach und würde das Autoritätsdenken bedienen, das viele Menschen ohnehin misstrauisch macht. Für uns richtet sich Vertrauen auf das Verfahren, das seine eigenen Fehler sucht und ausbessert. Eine einzelne Studie oder ein einzelner Professor kann danebenliegen, über die Zeit fängt der wissenschaftliche Prozess solche Irrtümer ab.

In unseren Stadtgesprächen und Workshops geht es deshalb um Werkzeuge statt um fertige Meinungen. Wie liest man eine Studie, und woran erkennt man den Unterschied zwischen einer einzelnen Auffälligkeit und einem belegten Zusammenhang? Am meisten bringt aber eine Frage an die eigene Adresse: Wende ich meine Skepsis auf alle Aussagen an oder nur auf die, die mir nicht in den Kram passen?

Das ist bewusst überparteilich. Es geht um eine Arbeitsweise, das politische Ergebnis überlassen wir den Menschen selbst. Wer die Methode versteht, kann damit zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen. Für uns ist das ein Boden, auf dem sich seriös arbeiten lässt.

Skepsis ist der Anfang jeder Wissenschaft. Sie taugt aber nur, wenn dieselbe Skepsis auch für die Zweifel gilt, die einem gerade in den Kram passen.

Quellen: Wissenschaftsbarometer 2024 und 2025 (Wissenschaft im Dialog); Karl Popper, Logik der Forschung; John Cook u. a. zum FLICC-Modell (klimafakten.de); Naomi Oreskes und Erik Conway, Merchants of Doubt; David Michaels, Doubt is Their Product; Mede, Schäfer, Ziegler und Weißkopf (2020) zur Wahrnehmung der Replikationskrise in Deutschland.

Devin Nikolai für DemokraViTo i.G. · Juli 2026